Speeddating einmal anders

Ausbildungs-Informationsbörse für junge Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin

 „Beim Speeddating werden potentielle Interessenten einander gegenübergesetzt. Sie dürfen sich eine vorgegebene Zeit unterhalten. Dann ertönt ein Gong und alle Datingwilligen tauschen die Plätze, so dass am Ende alle miteinander gesprochen haben. Werden die Partnersuchenden durch Jugendliche mit Migrationshintergrund und potentielle Arbeitgeber und Verbände ersetzt, entsteht eine Ausbildungs-Informationsbörse mit Speeddating-Charakter. Kann so etwas klappen? Es kann. Das wurde im April in Berlin eindrucksvoll bewiesen.

Die Initiative kam von den Wirtschaftsjunioren Deutschland. Die jungen Unternehmerinnen und Unternehmer wollten mit jungen Flüchtlingen in Kontakt kommen und ihnen in Sachen Berufsorientierung weiterhelfen. Auf verschiedenen Ebenen gibt es bereits Kooperationen zwischen den Jungunternehmern und den Jugendmigrationsdiensten. Da wollte man nun weitergehen. Laura Jorde vom Bundesverband der Wirtschaftsjunioren schwebte eine Ausbildungs-Informationsbörse vor. So wurden in Berlin junge Menschen aus den 16 Jugendmigrationsdiensten und den Modellstandorten des Projekts jmd2start – Begleitung für junge Flüchtlinge in die Räume der Konrad Adenauer Stiftung eingeladen.

Bildnachweis: WJD/Hertzsch/Fotomanufaktur-hertzsch.de

Zwischen Handwerk und Studienplatzvergabe
Es sollte Informationen aus erster Hand für junge Migrantinnen und Migranten geben, die sich für Ausbildungsstellen, Studienmöglichkeiten, Praktika und Kontakte zur Wirtschaft interessieren. Das Speeddating sollte so aussehen: An vier Tischen würden verschiedene Schwerpunkte besprochen werden. Ein Tisch würde besetzt von der Industrie und Handelskammer, einer von der Handwerkskammer, einer von der Ausbildungs- und Berufsinitiative Arrivo, einer von Wirtschaftsjunioren. Außerdem gab es einen Extra-Tisch der Bildungsberatungsstelle Garantiefonds Hochschule, eine Studienberatung unter anderem auch für junge anerkannte Flüchtlinge. Die 40 angemeldeten Jugendlichen sollten je nach Interesse und Situation zwischen den Tischen wechseln und ihre Fragen stellen.Ungebremste Wissbegierde
Aber es kam anders. Statt der erwarteten 40 Jugendlichen kamen am 4. April etwa 100 junge Leute zur Konrad Adenauer Stiftung. Das Interesse war umwerfend und stellte die Organisatoren vor logistische Herausforderungen. Ein weiterer Raum wurde benötigt, zwei zusätzliche Informations-Tische wurden besetzt, Gruppen fielen größer aus, aus den Reihen der Wirtschaftsjunioren wurden noch einige Referenten dazu geholt. Die fünf Arabisch-Übersetzer hatten alle Hände voll zu tun. Trotzdem war die Veranstaltung ein voller Erfolg.Viele Fragen, noch mehr Antworten
Was ist eigentlich die duale Ausbildung? Wie finde ich eine Ausbildungsstelle? Was bringt mir ein Praktikum? Wie kann ich meine Berufsjahre anerkennen lassen? Wie bewerbe ich mich bei einem Unternehmen? Welche Sprachkenntnisse brauche ich für welchen Ausbildungsweg? Welche Berufe werden benötigt? Und wie kann ich mein Studium in Deutschland fortsetzen? Die Fragen der jungen Leute, die größtenteils aus Syrien und Irak kamen, waren so unterschiedlich, wie Berufswege nur sein können. Zu den Herausforderungen des Nachmittags gehörte, den richtigen Ansprechpartner für die richtige Frage zu finden. Aber auch hier bewiesen die Organisatoren und Referenten Improvisationstalent. Die meisten Anliegen wurden direkt geklärt oder in kompetente Hände weitergereicht. Themen, die nicht an den großen Thementischen in der Gruppe diskutiert werden konnten, gingen in die Einzelberatung. Manche Themen wurden sehr detailliert, andere im Überblick behandelt, manche Gespräche fanden auf Deutsch und viele auf Arabisch statt. So bekam jeder seine Antworten, egal ob er spontan dazugekommen war oder sich schon lange intensiv vorbereitet hatte.Einen Schritt weiter
Hamed, der vor einem halben Jahr aus Syrien kam, hat in Damaskus französische Literatur studiert. In Deutschland möchte er nun auf Übersetzer umsatteln. Der 25-Jährige kam gut informiert zum Austausch. Viele Antworten hatte er selbst schon recherchiert. Trotzdem fand er die Veranstaltung mit den Wirtschaftsjunioren spannend. Schließlich geht es auch um den Austausch untereinander und darum zu sehen, welche Akteure in Deutschland überhaupt wichtig sind für die Berufsorientierung. Auch David aus Kolumbien weiß was er will: Auf sein BWL-Studium noch einen Master setzen. Vorher aber sucht er sich ein Praktikum um besser Deutsch zu lernen. Tipps für die Praktikumssuche bekommt er an dem Nachmittag von der IHK und den Wirtschaftsjunioren. Außerdem hat auch er hier etwas Neues gelernt „Ich hatte noch nichts von der dualen Ausbildung in Deutschland gehört. Das ist in der Kombination aus Theorie und Praxis wirklich ein cooles Konstrukt.“Fortsetzung folgt
Nicht nur die Jugendlichen, auch die Referentinnen und Referenten waren von den Zusammentreffen durchweg begeistert. „Ich war erstaunt, wie präzise zum Teil gefragt wurde“, erzählt Irena Büttner von der Handwerkskammer Berlin. „Die jungen Leute waren nicht nur interessiert, sondern auch sehr gut vorbereitet. Vor allem wenn es um die Anerkennung von Berufsjahren und Vorkenntnissen geht. Viele wissen genau was sie wollen.“ Auch die anderen Referenten waren überrascht wie gut – bei allen Unterschieden der Berufswege und Sprachkenntnisse – der Austausch zwischen den Beteiligten funktionierte. „Für uns Unternehmer war neben der Wissensvermittlung insbesondere der persönliche Kontakt mit den jungen Leuten wertvoll. Wir werden diese Informationsbörse in Zusammenarbeit mit der KAS, der IHK, der HWK und den Jugendmigrationsdiensten sowie dem Modellprojekt jmd2start – Begleitung für junge Flüchtlinge nochmals durchführen“, berichtet Daniel Wiegand von den Wirtschaftsjunioren Berlin.Netzwerken für Fortgeschrittene
Welche Kontakte letztlich weiterbestehen und aus welchen Zusammentreffen sich berufliche Perspektiven entwickeln, wird sich zeigen. Klar ist bisher nur: das Speeddating ist gelungen. Nach dem Tischerücken kamen Referentinnen und Referenten mit den Jugendliche noch lange bei einem Imbiss ins Gespräch. Und weil selbst der Imbiss irgendwann zu Ende ging, zogen noch einige der jungen Menschen mit den Wirtschaftsjunioren in eine Kneipe weiter. „Wie finde ich Kontakte?“ war eine der Fragen, die immer wieder gestellt wurden am Nachmittag in der Adenauer Stiftung. Die Antwort findet sich abseits jeder Theorie: Genau so.“Quelle: Servicebüro JMD


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